1968 – 2008
40 JOER
SOS KANNERDUERF MIERSCH
 
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Tiergestützte Pädagogik

Im SOS Kinderdorf in Mersch nutzt man für „Groß und Klein“ die positiven Wirkungen der Mensch-Tierbeziehung

 

„Redet nicht, tut  etwas“, sagte einmal Hermann Gmeiner, der Gründer der SOS Kinderdorf Idee, „ alle Menschen sind gut, man muss ihnen nur die Gelegenheit dazu geben.“

 

Ganz nach diesem Motto entstand 1999 die Idee, die heiltherapeutische Ausrichtung des SOS Kinderdorfkonzeptes durch den Einsatz von Tieren zu bereichern.

Bis dato machten wir uns oftmals ergebnislos auf die Suche, um geeignete ganzheitliche Fördermaßnahmen zu finden, die der besonderen Bedürftigkeit unserer Kinder entsprachen.

 

Lange Wartelisten, Anamnese und Diagnoseverfahren, organisatorische und zeitliche Hürden ließen viel wertvolle Zeit verstreichen.

Heute kann ein großer Teil dieses Bedarfes durch gezielte Mensch-Tier Interaktionen gedeckt werden.

Tiergestützte Pädagogik,Therapie und Fördermaßnahmen integrieren sich in das gesamte Konzept der Einrichtungen des SOS-Kinderdorfes und bieten maßgeschneiderte und individuelle Projekte an.

 

Eine Win-Win Situation: Die Sorge um das Tier, aktiviert die Sorge um mich selbst

Zurzeit leben im Kinderdorfprojekt Pferde, Esel, Kühe und mehrere Kleintiere (Kaninchen,  Meerschweinchen, Chinchillas...). Alle Tiere leben in einer ganzjährigen Offenstallhaltung mit beständigem Weidegang. Hunde und Katzen leben in den Kinderdorffamilien.

 

Da die SOS Kinderddorfpädagogik auf langfristige, tragfähige Beziehungen aufbaut, möchten wir auch modellhaft den Tieren ein bleibendes Zuhause bieten.

Der Umgang mit Krankheiten, Alterserscheinungen Geburt und Tod, persönlichen Vorlieben und Abneigungen gehören zu unserer Beziehungsarbeit und werden gezielt integriert und toleriert. Oftmals löst die Bedürftigkeit eines kranken oder alten Tieres Impulse aus, die den Fürsorgeinstinkt derart aktivieren, dass sich die eigene Bedürftigkeit nach Schutz und Sicherheit stillt, wenn ich selbst fürsorglich bin. Das Vertrauen in sich selbst kann gestärkt werden. Gutes tun, tut gut!

 

Gezielte Aktivitäten in der tiergestützten Pädagogik

Durch konkrete Anleitung, Modelllernen und Selbsterfahrung können die Kinder in Einzelinteraktionen mit einer Fachkraft für tiergestütztes Arbeiten wichtige Entwicklungsimpulse erhalten.

 

Einmal pro Woche, maximal 90 Minuten, begegnen sich Kind und Tier in einem nicht zufällig organisierten Rahmen:

 

Die Verantwortung hierfür trägt die Fachkraft. Sie legt entsprechend der Bedürfnislage des Kindes die Rahmenbedingungen fest. Sie steuert den Verlauf, jedoch unter Berücksichtigung von Eigeninitiative und Grenzsetzung, immer zum Wohl und Schutz beider Parteien. Dies setzt ein gute Kenntnislage der Tiere und scharfe Wahrnehmungsfähigkeit voraus.

 

Die Bedürfnislage des Kindes wird gemeinsam mit dem betreffenden Kind und seiner Bezugsperson in einem Vorgespräch definiert und festgehalten. Auf der Basis des lösungsorientierten Ansatzes führen Fragen wie, welches Tier möchtest du als Freund haben, was kannst du ihm beibringen und was kannst du von ihm lernen, zu einer individuellen Zielsetzung. Erfahrungsgemäß wählen Kinder häufig die Tiere aus, die ausgleichende Eigenschaften besitzen.

Beispiel: der sehr aktive und unruhige Junge wählt einen kleinen Esel und das schüchterne Mädchen ein großes dynamisches Pferd.

 

Diagnostisch gibt die Wahl der Patenschaft gute Hinweise über das „Innenleben“, die Selbstwahrnehmung des Kindes und seine Lösungen. Die Fachkraft evaluiert regelmäßig die festgehaltenen Wünsche/Ziele in einer Bewertungsskala von 1-10, orientiert daran ihre weitere Vorgehensweise und reflektiert nach einem Zeitraum von maximal 9 Monaten die Entwicklung gemeinsam mit dem Kind und seiner Bezugsperson, gegebenenfalls auch früher.

Ob und wie die festgestellten Entwicklungsverläufe in direktem Zusammenhang stehen mit den tiergestützten Aktivitäten lässt sich so nicht im Detail feststellen. Es ist eine Art „Depot“ oder „Sparbuch“, auf das wir einzahlen und die Gewinnausschüttung kommt in individuellen Zeiträumen.

Fest steht jedoch, dass die Kinder direkt danach als „entspannter“ von ihrer Umgebung wahrgenommen werden. „Nur ein entspannter Mensch ist ein gesunder Mensch“ (chinesisches Sprichwort)

 

Um den Motivationsfaktor zu erhalten, werden zeitliche Pausen von mehreren Wochen eingebaut. Es hat sich herausgestellt, das das Prinzip „weniger ist manchmal mehr“ hier in Erscheinung tritt. Anfänglich ist die Begegnung mit dem Tier ein neuer Reiz, der viele Impulse in der Entwicklung auslösen kann. Im Laufe der Zeit stagniert die Motivation, es wird alltäglich, die Erfolge bleiben eher unsichtbar. Es ist mit dem Verzehr einer guten Tafel Schokolade zu vergleichen. Die ersten Stücke werden bewusst geschmeckt, genossen und hinterlassen Zufriedenheit. Isst man sie dann ganz auf, stellt sich eher Gleichgültigkeit ein. Es scheint, dass  die gezielte punktuelle Mensch-Tierinteraktion in der Arbeit mit bedürftigen Kindern einen höheren Stellenwert einnimmt als das zufällige Zusammensein von Mensch und Tier.

Fast alle Kinder haben irgendwann den Wunsch ihren Bezugspersonen zu demonstrieren, „was sie den Tieren beigebracht haben“. Das ist der Moment, indem sich ihr Selbstbild positiv verändert hat. Sie sind stolz  auf sich. Diesem Bedürfnis kommen wir nach, indem eine kleine persönliche Show mit selbst gewählten Gästen stattfindet. Es hat sich als sehr störend herausgestellt, wenn sich während der wöchentlichen Stunden Zuschauer einfinden. Die Kinder werden dann zu Schauspielern und persönliche Prozesse werden gestoppt.

 

Hierzu gibt es ein von einem Kind angefertigtes Schild mit den Worten: Herzlich willkommen/Bitte nicht stören. Zu jedem Stundenbeginn und Ende wird das jeweilige Schild vom betreffenden Kind aufgehängt.

Zurzeit stehen diesem Projekt personell 30 Stunden pro Woche zur Verfügung. Darin sind Training und Supervision der Tiere und deren Wochenendfütterung, sowie Besprechungen enthalten.

 

Pädagogisches Kleintiergehege, eine urteilsfreie Zone

Ein großes, begehbares, teilweise überdachtes Freigehege (20 Meter, um- und überzäunt) bietet mit seinen Höhlen und Wohnbauten auf unterschiedlichen Ebenen, ausgestattet mit Wiese, Sand und Rindenmulch, sowie einem Weiher mit Fischen, einen artgerechten Lebensraum für Kaninchen und Meerschweinchen und einen vielseitigen Erfahrungsraum für Menschen.

Im Gehege können sowohl gezielte tiergestützte Interaktionen mit den Kindern, als auch Teambesprechungen oder ähnliches, unter Beachtung konkreter Umgangsregeln, durchgeführt werden. Eine gemütliche Sitzecke und die natürliche Atmosphäre laden zu entspannten Momenten ein.

 

Tiergestützte Fördermaßnahmen in einer berufs- und lebensvorbereitenden Ausbildung

Diese Maßnahme (bis zu 4 Jahren) richtet sich an max. 4 Jugendliche der Jugendhilfe ab 16 mit besonderem beruflichem Förderbedarf. Die Vermittlung sozialer Kompetenzen und handwerklicher Fertigkeiten werden verknüpft, um einen Einstieg ins Berufsleben zu ermöglichen. Die Förderung der Arbeitsmotivation, der Ausdauer und dem respektvollem Umgang miteinander haben  hier einen hohen Stellenwert. Neben anderen handwerklich orientierten Inhalten, ist ein Schwerpunkt die Fütterung der Tiere und der Unterhalt der Infrastruktur. Der stark ritualisierte Fütterungsablauf, der sich nach der Hierarchie der Herde orientieren muss, ist ein modellhaftes Training zum Einhalten von Regeln und dem Umgang mit Rangordnungen. Bei Nichteinhalten des täglichen Ablaufes werden die Konsequenzen direkt spürbar: Chaos und Orientierungslosigkeit stellt sich ein.

 

Weidenmanagement und Stallpflege fördern gezielt körperliche und intellektuelle Fähigkeiten. Ein wöchentliches Kommunikationstraining von 90 Minuten erschließt den Jugendlichen die nonverbale Welt der Tiere und fordert sie in ihrer Wahrnehmung und Empathie heraus. Dieser Fördermaßnahme stehen personell ca. 15-20 Stunden einer Fachkraft für Landwirtschaft (mit Weiterbildung in tiergestützter Pädagogik) zur Verfügung.

 

Alle aktuell laufenden Kosten der tiergestützten Maßnahmen werden ausschließlich über Spenden finanziert!

 

Tiergestützte Therapie: Tierschutz und Lebenshilfe „Schneider Haff“

 

Dieses therapeutische Angebot, seit Oktober 2008, richtet sich an 8 junge Menschen, die aufgrund schwerer Lebenskrisen sozio-emotionale Störungen entwickelt haben. Es stellt eine stabilisierende Anschlussmaßnahme zu einem stationären Aufenthalt in der Kinder- und Jugendpsychiatrie dar. Das Aufnahmealter liegt zwischen 13 und 16 Jahren, die maximale Aufenthaltsdauer beträgt 2 Jahre. Ein anschließendes betreutes Wohnen in einer eigenen Wohnung im Nebengebäude der Hofanlage ist bei Bedarf möglich.

 

Ein polyvalentes Team aus 7 Mitarbeitern mit Zusatzqualifikationen in der tiergestützten Arbeit und Therapie, verschiedene Honorarkräfte und angegliederte Psychiater/innen setzen gezielt die positiven Wirkungen der Mensch-Tier Beziehung ein, um konstruktive und hilfreiche „Glaubenssätze“ für die Zukunft zu entwickeln. Auf dem Hof leben Tiere mit besonderen Bedürfnissen (Gnadenhoftiere) aus dem Tierschutz. Viele Tierbiografien gleichen denen der Jugendlichen und laden sie zu einer Identifikation mit dem bedürftigen Wesen ein. Berührt durch die Schicksale  stellt dies den Schlüssel zur Selbstheilung dar. Die Sorge um das Tier aktiviert die Sorge um sich selbst. Der therapeutische Prozess setzt hier ein. Die Beziehung zum Tier bietet die Möglichkeit zur emotionalen Nachreifung. In der Pflege der Tiere stehen die Stärken der jungen Menschen im Vordergrund, nicht deren Probleme Sie werden zu Versorgern, „retten“ Tiere und bekommen dadurch gesellschaftliche Anerkennung. Vielleicht gelingt es auch zu erkennen, das sich das eigene Bedürfnis nach Liebe, Anerkennung und umsorgt werden ein Stück weit stillen lässt, wenn es gelingt, selbst fürsorglich zu sein.

 

„Es gibt nichts schöneres, als geliebt zu werden, geliebt um seiner selbst willen, oder vielmehr: trotz seiner selbst" (Victor Hugo)

 

siehe auch "Schneider Haff"

 

 

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